Zirkus ist wichtig und ein Element unseres gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Wir von der FDP Aachen begrüßen daher den „Großen Russischen Staatscircus“ in unserer Stadt und freuen uns, dass er hier gastiert. Zirkus ist ein Kulturgut wie Theater, Oper, Ballett und es heutzutage auch einige sportliche Großveranstaltungen sind. Wir wollen, dass Zirkus lebt, uns bereichert mit atemberaubender Artistik, Akrobatik und Szenen, die uns zum Lachen, aber ebenso zum Nachdenken bringen. Aber es gibt auch Schattenseiten in der bunten Zirkuswelt, die dann erscheinen, wenn man das Thema „Wildtiere im Zirkus“ zur Sprache bringt. Man darf nun nicht den Fehler machen und den Eindruck erwecken, einen Generalangriff auf den ganzen Zirkus zu starten. Deswegen wollen wir Liberalen in Aachen nicht gegen einen oder den Zirkus schlechthin protestieren. Nichts liegt uns da ferner, als etwas über einen Kamm zu scheren und in aller Gänze zu verurteilen. Einen Boykottaufruf sehen wir eher kritisch, da man auf diese Weise zur eigentlichen Lösung der Problematik nicht beiträgt, sondern vielmehr die Türen zuschlägt und die Möglichkeit eines konstruktiven Dialogs verhindert.
Wir müssen unsere Türen gegenseitig offen halten und gemeinsam ein Ende der Wildtierhaltung im Zirkus anstreben. Die FDP in Aachen setzt auf die Vernunft und Einsicht seitens der Zirkusbetreiber mit Wildtierhaltung. Unser Appell richtet sich ebenso an die ECA (European Circus Association), ein gemeinnütziger Verband der die Interessen von vielen europäischen Zirkusunternehmen vertritt.
Damit komme ich jetzt zu dem Punkt, wovor wir alle, ob Kritiker, Zirkusbesucher und verantwortliche Zirkusunternehmer, nicht mehr die Augen verschließen dürfen.Wildtiere im Zirkus können unter keinen Umständen artgerecht gehalten werden. Auch wenn die Betreiber von Wildtiernummern und die Dompteure im Zirkus es immer wieder beteuern, dass es ihren Tieren gut geht, sie sich mit den Löwen, Elefanten oder Schimpansen beschäftigen, ja sie sogar als ihre Familienmitglieder ansehen – das alles mag ja auch bei einigen Tiertrainern so sein-, aber es ist die Sichtweise aus einer rein menschlichen Perspektive.
Wir sollen ehrlicher sein und erkennen, die Tiere leiden nachweislich im Zirkus unter den vorgegebenen Bedingungen. Dass Wildtiere von der Ernährung her in gut geführten Zirkussen keinen Mangel erleiden, ist kein Argument für die Strapazen, die diese Kreaturen auf sich nehmen müssen. Mehrere Monate im Jahr in Folge werden sie in viel zu kleinen Transportkäfigen und Containern gehalten und durch die Länder gefahren. Das alleine ist schon nicht hinnehmbar. Wildtiere sind keine Haustiere, die man domestiziert hat. Eine Domestikation von Wildtieren setzt evolutionäre Prozesse voraus, die nicht in einem Jahrhundert bewältigt werden können und zudem Bedingungen voraussetzen, die in der heutigen modernen Welt nicht umzusetzen sind. Es wird immer wieder angeführt, dass die Wildtiere nicht aus der freien Natur stammen, sondern quasi schon immer unter den gegebenen Bedingungen, sprich Gefangenschaft, geboren worden und aufgewachsen sind. In unseren Augen wird eine solche „Entschuldigung“ zu einer Mogelpackung und Schönrednerei, denn sie ignoriert die eigentlichen Bedürfnisse der Tiere, sich artgerecht zu bewegen oder zu beschäftigen.
Der Zirkus von morgen wird ohne Wildtiere auskommen. Erfreuliche Beispiele gibt es mittlerweile zu vermelden. Kreative, innovative Zirkusbetreiber erkennen den Vorteil eines Programms ohne Wildtiernummern und werben sehr erfolgreich mit diesem Pluspunkt. Aber wir alle, Politiker, Tierschützer, Zirkusbesucher und nicht zuletzt Zirkusunternehmer haben es in der Hand und in der Verantwortung, diesen – seien wir realistisch – noch langen und schwierigen Weg zu beschreiten.
Wir Liberalen stehen überfrachtenden Vorschriften, Gesetzen und Regelungen immer kritisch gegenüber. Denn in den meisten Fällen wird auf diese Art von Problemlösung nicht die Ursache behoben, sondern lediglich Symbolpolitik betrieben. Man kann durchaus über ein lokales Auftrittsverbot von Zirkussen mit Wildtieren nachdenken (wie München oder Köln bereits vorweisen) und dies von Fall zu Fall auch in Erwägung ziehen, aber hilft dies den Tieren, die wir schützen wollen?
Der Zirkus wird dann eben in die Nachbarstadt ziehen, die die Fakten ignoriert.
Und hilft auch ein generelles Verbot, gesetzlich geregelt, den betroffenen Tieren? Da muss man auch darüber nachdenken, ob man dadurch nicht die Problematik verschiebt, verdrängt in Länder, die es ohnehin nicht so genau mit dem Tierschutz nehmen.Die Tiere würden dann wohlmöglich in diese Länder verkauft, wo ihnen eine Tortur bevorstehen mag, da bekanntlich in ost- und südeuropäischen Ländern Tiere einen anderen - wenn überhaupt – Stellenwert haben als hierzulande.Ein Gesetz wäre die allerletzte Möglichkeit, wenn Umstrukturierungen - die aber vom Zirkus selbst heraus entstehen müssen - und erfolgreiche Dialoge im Sinne des Tierschutzes nicht fruchten.
Wir von der FDP würden da eher für ein EU-weites Gesetz plädieren, damit man wenigstens auf dem überwiegend von der EU zu verantwortenden europäischen Kontinent eine Kontrolle und Gewissheit hat. Die Gesetzesregelungen sind derzeit in Deutschland nicht eindeutig und vielversprechend. Der Bund verweist auf die Länderkompetenz bezüglich des Auftrittsverbots von Zirkussen mit Wildtieren und auch der Aspekt der freien Berufswahl im Grundgesetz der BRD ist ein nicht zu unterschätzender Umstand, der unser Anliegen behindern kann. Daher wäre ein EU-Gesetz als zu befolgende Richtlinie wesentlich effektiver.
Die bayerische EU-Abgeordnete Nadja Hirsch von der FDP hat just vor einigen Wochen dies mit folgenden Worten auch wiedergegeben: „Wenn allerdings Behörden und Gewerbevertretung gemeinsam die Missstände in Zirkusbetrieben nicht in den Griff bekommen, dann muss in der Konsequenz über ein Wildtierverbot diskutiert werden".
Im Bundestag hat die FDP mit Hans-Michael Goldmann als Veterinärmediziner nicht nur einen Fachmann, sondern auch einen Mitkämpfer gegen das Halten von Wildtieren in Zirkussen für unsere Belange, der auch eng mit dem in Tierschutzkreisen bekannten Verband „Vier Pfoten“ zusammenarbeitet.
Wir alle müssen das Thema immer wieder mit zu belegenden Fakten in die Öffentlichkeit und Medien bringen. Aufklärung ist immer der beste Schutz und erfolgreicher als das Aussprechen von Verboten, was die allerletzte Möglichkeit in diesem Diskurs darstellt. Die FDP in Aachen, im Land und Bund verschließt sich aber generell nicht dieser Möglichkeit.
Die Zirkusse sollen jedoch wissen, dass die Mehrheit der Bundesbürger und -bürgerinnen Wildtiere im Zirkus ablehnen. Deswegen sind wir alle gefordert immer und immer wieder den Finger in diese sensible Wunde zu legen. Mündige, aufgeklärte Bürger und Bürgerinnen haben die eigentliche Macht in diesem Staat.
Wer sich mit Tierschutz beschäftigt, beschäftigt sich auch mit ethischen Werten, die leider in unserer Gesellschaft nicht mehr wahrgenommen, beachtet und vorgelebt werden.
Eine fortschrittliche, zivilisierte und gebildete Gesellschaft befürwortet den Tierschutz ohne Wenn und Aber.
Vergessen wir in diesem Sinne nie, dass Tierschutz letztendlich auch Menschenschutz bedeutet.
gez.
Frank Hansen
FDP Aachen
Tierschutzbeauftragter