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Rote Köpfe ums Rotlicht

News vom 25.09.2017 in
In der deutschen Stadt Aachen streiten Politik und Polizei um den richtigen Platz für das Prostitutionsgewerbe.

Am frühen Nachmittag wirkt die Antoniusstrasse wie ausgestorben. Touristen verirren sich nur selten in diese Nebenstrasse, obwohl sie mitten in der Aachener Innenstadt liegt. Die kleinen, ergrauten Häuser, die grelle Tabledance-Werbung, die offensive Zurschaustellung sexueller Dienste: All das schreckt normale Passanten ab, die nichts mit Prostitution am Hut haben. Die Liebesgasse, auch «Strässchen» genannt, kommt erst abends so richtig in Fahrt. Tagsüber räkeln sich dennoch einige Damen in den Schaufenstern: Nur in Unterwäsche, klopfen sie an die Scheibe, sobald ein Mann vorbeikommt.

Pläne für das Lusthaus

Nur wenige hundert Meter entfernt sitzt der Mann, der die Antoniusstrasse in eine familienfreundliche Wohn- und Einkaufsmeile verwandeln soll. Werner Wingenfeld, Planungsdezernent bei der Stadt Aachen, betrachtet den Bebauungsplan 999, der an der Wand seines Büros hängt. «Momentan sieht's da aus wie nach dem Krieg», sagt der Beamte. Ein heruntergekommener Schandfleck sei die Antoniusstrasse, «getoppt nur von einem hässlichen Parkhaus, das schon vor Jahren abgerissen werden sollte». Womit Wingenfeld schon beim Kern des Problems ist: Seit Jahren sollte so vieles im Altstadtquartier Büchel passieren: eine Verlagerung der Bordelle, dafür Wohnraum, Einzelhandel, spielende Kinder.

Umgesetzt wurde dieses Vorhaben allerdings bis heute nicht. «Die Debatte läuft seit den 1990er Jahren», räumt Wingenfeld ein. Das Rotlichtviertel gebe es in Aachen seit Hunderten von Jahren und habe immer einen zentralen Platz in der Altstadt eingenommen. Warum das so ist, weiss niemand. «Was wir wissen: dass kein Investor in ein Haus investieren möchte, wenn nebenan ein Bordell liegt», sagt Wingenfeld. Weil in Aachens Innenstadt der Wohnraum knapp ist, hat sich der Stadtrat auf einen Beschluss geeinigt, dem alle Fraktionen – bis auf FDP und AfD – zustimmten. Die Etablissements der Antoniusstrasse sollen in einem einzigen grossen Bordell zusammengefasst werden, das an den bestehenden Standort angrenzt. Die dadurch frei werdenden Immobilien sollen neuen Wohnhäusern weichen.

«Wir wollen das neue Lusthaus baulich von seiner Umgebung abtrennen», sagt Wingenfeld. Mit anderen Worten: Die Freier sollen über einen Nebenweg ins Bordell gelangen, damit sie die neuen Anwohner nicht stören. So zumindest die Theorie. Nach jahrelanger Debatte hat die Stadt inzwischen ein Bebauungsplanverfahren eingeleitet, damit die Umgestaltung der Antoniusstrasse vorankommt. Die Pläne haben die Diskussionen aber nicht erstickt: Warum muss ein Bordell überhaupt mitten in der Innenstadt liegen, nur weil es die Tradition so will? Sollte das Milieu nicht besser ganz aus der Stadt verschwinden? Oder zumindest in ein entlegenes Gewerbegebiet verlagert werden?

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